Interview mit … Cindy

Interview mit … Cindy

Im April hat Julia bei uns bereits ihre Story erzählt, warum Cheerleading für sie nicht nur Pom-Pom wedeln, sondern ein knallharter Sport ist. Dass das jedoch noch nicht bei allen angekommen ist, beweisen die ignoranten Aussagen von Alba Berlin, die die Cheerleader nun aus ihrer Halle verbannt haben, da sie „Frauen als attraktive Pausenfüller“ als nicht mehr zeitgemäß ansehen. Anlass genug für uns, mit der Spoho-Studentin und Performance-Cheerdancerin Cindy noch einmal einen genaueren Blick auf den Cheerleader Sport und die angestoßene Debatte zu werfen.

Fan von DIR: Hallo Cindy. Was ist für dich das Besondere am Cheerleading?

Cindy: Zunächst einmal muss man unterscheiden zwischen Cheerleading und Performance-Cheer. Jedoch gehört beides zu einem Verband und wir nehmen an den gleichen Wettkämpfen teil. Ich selbst mache Performance-Cheer, was eine reine Tanzsportart ist, die sich noch einmal in verschiedene Kategorien unterteilt. Für mich ist das Besondere an der Sportart, dass sie genau das kombiniert, was mir Spaß macht. Ich komme ursprünglich aus dem Turnen und habe das 14 Jahre lang gemacht. Mit 15 habe ich angefangen Ballett zu tanzen. Dann bin ich nach Köln gezogen und habe in der Heimat alle Sportarten aufgegeben. Daher habe ich hier in Köln ein Team gesucht, nachdem mir der Hochschulsport nicht so zugesagt hat. Cheerleading hatte dann alles, was ich gesucht habe: Ein Team und mit Turn- und Ballett-Elementen, also mit Dingen, die mir Spaß machen. Seit dieser Saison trainiere ich außerdem unser Junior Dance Team. Das hat mir nochmal eine ganz andere tolle Seite des Sports gezeigt.

Fan von DIR: Wo trainierst du denn?

Cindy: Ich trainiere im Verein Borussia Lindenthal-Hohenlind bei den United Cheerstars. Das ist ein Fußballverein mit eigener Cheerleader-Abteilung. Wir tanzen regelmäßig bei den Heimspielen des Basketball-Teams Köln Rheinstars. Außerdem haben wir nebenbei noch andere Auftritte, zum Beispiel waren wir vor kurzem beim Fußball in Belgien.

Fan von DIR: Wie oft habt ihr Training?

Cindy: Wir trainieren dreimal die Woche und dann in der Regel so zwei bis drei Stunden. In der heißen Phase vor Wettkämpfen kann es aber auch schonmal mehr werden mit sechs / sieben Stunden Training am Wochenende. Wir sind vorrangig ein Meisterschaftsteam, machen nebenher aber eben auch Auftritte.

Fan von DIR: Und werdet ihr für die Auftritte angefragt?

Cindy: Genau, meistens geht es über Anfragen, manchmal aber auch über Kontakte. Bei den Rheinstars hat unsere Trainerin aktiv angefragt. Die hatten uns dann bei einer Benefiz-Veranstaltung tanzen sehen und uns engagiert.

Foto: Gero Müller-Laschet

Fan von DIR: Alba Berlin verzichtet ja in Zukunft auf ihre Cheerleader mit der Begründung, dass sie junge Frauen nicht länger als attraktive Pausenfüller wollen… Für dich die richtige Entscheidung?

Cindy: Nein. Ich muss ehrlich sagen, als ich das gelesen habe, war ich echt schockiert. Wenn man aus der Sportart kommt, kennt man die Alba Dancers. Die gibt es schon seit 25 Jahren und sie sind auch wahnsinnig erfolgreich. Sie wurden zum Beispiel zweimal als bestes europäisches Dance-Team gewählt. Da rattert es schon direkt im Kopf: Ok, wenn selbst da die Entscheidung so gefallen ist, wie geht es dann für uns weiter? Das Team spielt in der 1. Liga Basketball und sie sind ziemlich bekannt… da können andere Vereine auch schonmal nachziehen. Und man hat ja auch gesehen, dass andere Vereine sich daraufhin darüber Gedanken gemacht haben. Da denkt man dann schon: Mmh, das könnte auch uns passieren. 

Fan von DIR: Also hat Alba Berlin sich mit dieser Aussage eher ein Eigentor geschossen? Sie wollten Frauen stärken, indem sie Frauen nicht mehr als attraktive Pausenfüller einsetzen, haben euch aber erst dazu degradiert, weil ihr euch selbst gar nicht als solche seht, sondern als Sportlerinnen. 

Cindy: Ja genau. Dieses Wort „attraktive Pausenfüller“ hat mich sehr gestört. Als Sportlerin habe ich mich wirklich angegriffen gefühlt. Ich habe mich selbst nie so gesehen und mir ist auch nie jemand begegnet, der meinte, wir wären bloß ein nettes Beiwerk. Die Erfahrung habe ich nie gemacht und dann diese Aussagen zu hören… Puh. Durch diese Aussage wurden für mich die Alba Dancers von den Verantwortlichen erst zu attraktiven Pausenfüllern gemacht.

Fan von DIR: Also denkst du, es kam bloß vom Vorstand, während die Alba Dancers sich selbst auf Augenhöhe mit den Basketballern gesehen haben?

Cindy: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das vom Dance Team kam. Ich selbst sehe mich als Sportlerin und habe auch nie die Erfahrung gemacht, dass mich jemand so sieht, wie es gerade dargestellt wird.

Fan von DIR: Auch nicht bei Fußballspielen?

Cindy: Nein, gar nicht. Auch dort werden wir bei jedem Auftritt von allen Beteiligten freundlich empfangen.

Fan von DIR: Also ist deine persönliche Erfahrung eher, dass die Leute dir Respekt zollen?

Cindy: Ja, vor allem bei den Rheinstars. Wir tanzen da jetzt seit vier Saisons und man merkt, dass wir dazu gehören. Die Mitarbeiter und Mitglieder respektieren uns und würdigen das, was wir leisten. Auch die Fans sehen das. Für sie sind wir nicht nur die, die mit Pom-Poms wedeln.

Fan von DIR: Ein Kritikpunkt, der gerne angemerkt wird, sind die knappen Outfits. Ist das was, was ihr gerne macht? Oder ist das eher ein Zwang, dass ihr die tragen müsst bzw. könnt ihr ein Veto einlegen, wenn ihr euch unwohl fühlt?

Cindy: Ich weiß nicht, wie es bei anderen Vereinen ist, aber wir entscheiden selbst, was wir tragen. Das entscheiden wir als Sportlerinnen und haben auch von den Rheinstars die komplette Freiheit, was wir tragen, wie wir tanzen und zu welcher Musik. Für mich gehören kurze Outfits allerdings ein Stück weit zu dem Sport dazu, genauso wie ich beim Turnen einen Turnanzug getragen habe. In dem habe ich mich allerdings wesentlich unwohler gefühlt als in jedem Cheerleader-Outfit. Ich habe bis heute nicht verstanden, warum man beim Turnen keine Hose tragen darf. Bei anderen Sportarten wie Beachvolleyball gab es lange Zeit sogar vom Verband Vorschriften, wie lang die Kleidung maximal sein darf. Unsere Outfits sind hingegen alles in allem eher sportlich. Wenn wir zum Beispiel bauchfrei tragen, ist die Hose dafür lang oder umgekehrt: Wenn wir eine kurze Hose tragen, verzichten wir auf bauchfrei. Bei vielen Sportarten wird es nicht hinterfragt, bei uns aber auf einmal schon. Man sollte das dann, wenn schon, generell in Frage stellen.

Foto: Gero Müller-Laschet

Fan von DIR: Stichwort Turnen: Zwischen Turnen und Cheerleading gibt es ja einige Parallelen. Die Turn-Outfits sind ja auch ziemlich körperbetont, viel Make-Up, ähnliche Bewegungen und Akrobatik. Während ihr momentan auf dem Prüfstand steht, ist Turnen olympisch. Woher kommt diese unterschiedliche Bewertung?

Cindy: Ich glaube, das Problem ist, dass unser Sport vielen noch unbekannt ist. Zwar haben viele bei Cheerleading ein Bild im Kopf, aber gerade unter Performance-Cheer können sich die Meisten nichts vorstellen. Ich kannte das, bevor ich angefangen habe, auch nicht. Man sieht es auch an den Mitgliederzahlen im Verband. Es gibt deutlich weniger Performance-Cheerdancer als Cheerleader. Ungefähr machen wir nur ca. 10 % der Mitglieder aus. Mittlerweile sind wir aber im DOSB und als vorläufige olympische Sportart anerkannt. Im Verband wurde daraufhin viel umgestellt, zum Beispiel gibt es jetzt auch beim Cheerleading ein Ligen System, um sich in Richtung Olympia zu entwickeln und alle Kriterien zu erfüllen. Weil wir ja ein Verband sind, gibt es daher auch Änderungen im Performance-Cheer, aber für ein Ligasystem gibt es noch zu wenige Teams.

Fan von DIR:  Aber im Gesamten würdet ihr von einer Teilnahme an Olympia profitieren oder gibt es auch Kritik? Andere Sportarten wollen ja bewusst nicht olympisch werden, um autonomer zu sein.

Cindy: Im Moment würde ich sagen, es ist fördernd, weil nun Bewegung in den Verband kommt. Da passiert total viel und die Sportart rückt mehr und mehr in den Vordergrund.

Fan von DIR: Die Aussagen von Alba Berlin sind ja dann auch für die Mission Olympia eher kontraproduktiv und paradox zu aktuellen Entwicklung, weil Cheerleading als Sport ja momentan eher mehr Aufmerksamkeit und Bestätigung bekommt. Kam der Schritt der Alba-Verantwortlichen für euch daher überraschend?

Cindy: Für mich auf jeden Fall. Es wurde die Frage in den Raum gestellt, ob Cheerleading noch zeitgemäß ist. Dabei ist Cheerleading nicht gleich Cheerleading. Ich habe ja schon erzählt, dass es ganz viele verschiedene Arten gibt. Und wie kann Cheerleading nicht zeitgemäß sein, wenn die Sportart auf dem Weg ist, olympisch zu werden?

Fan von DIR: Wie haben euer Verein und die Rheinstars sich positioniert? Haben die mit euch gesprochen?

Cindy: Wir haben kurz nach der Verkündung ein Statement bei Facebook und Instagram herausgegeben. Und auch die Rheinstars haben geäußert, dass sie hinter uns stehen und erstmal alles so bleibt, wie es ist. Hier in Köln wird Tanz ja auch ganz großgeschrieben.

Fan von DIR: In der Medienberichterstattung wurde die Diskussion gerne mit der Abschaffung der Grid Girls in der Formel 1 oder der Diskussion um die Nummerngirls im Kampfsport gleichgesetzt. Der Vergleich hinkt ja ziemlich, oder?

Cindy: Und wie! Wir betreiben den Sport als Leistungssport und wir investieren so viele Stunden jede Woche in diesen Sport. Wir nehmen das Ganze wirklich ernst. Da ist der Vergleich fast schon beleidigend.

Foto: Tom Lorenz

Fan von DIR: Theoretisch ist der Ansatz von Alba Berlin, Frauen zu stärken, ja gut. Aber hätten sie es nicht anders lösen können?

Cindy: Den Ansatz, Frauen zu stärken, kann ich nur willkommen heißen. Aber wer sagt denn, dass nicht auch die Sportart Cheerleading dazu beitragen kann. Ich habe es an mir selbst erlebt und erlebe es jetzt auch als Trainerin bei den Kindern, wie sehr die Sportart Einfluss im positiven Sinne auf die Persönlichkeitsentwicklung nehmen kann. Der Sport hat mich definitiv zu einer selbstbewussteren und selbstbestimmten Frau werden lassen. Den Ansatz von Alba sehe ich insofern kritisch, dass ein männlicher Vorstand entscheidet, was das Beste für die Frauen ist und dass die Lösung ist, dass das weibliche Dance Team jetzt nicht mehr tanzen darf. Man hätte sich stattdessen zusammensetzen und gemeinsam überlegen können, was man wie verändern kann. Interessant finde ich an der derzeitigen Diskussion vor allem, dass alle, die selbst aus dem Sport kommen, die Entscheidung kritisch sehen.

Fan von DIR: Horst Seehofer hatte vorgeschlagen, dass man den Männeranteil im Sport erhöhen könnte, um somit den Fokus weg von einem „Frauensport“ zu lenken. Eine gute Idee?

Cindy: Die Sportart ist ja bereits offen für Männer, gerade das Cheerleading. Es ist jedoch wirklich schwierig, Männer für Performance-Cheer zu gewinnen. Bei Wettkämpfen sieht man vereinzelt Teams mit männlichen Tänzern. Der Sport zieht jedoch eher Frauen an. Wir hatten mal einen Mann zum Probetraining da, aber der hat sich unter all den Frauen etwas unwohl gefühlt. Ein weiteres Problem: Als Mann muss man eine gewisse tänzerische Vorerfahrung mitbringen, weil man schon auffällt und daher entsprechend im Fokus der Beobachtung steht. Beim Cheerleading haben einige Teams aber bereits einen höheren Männer- als Frauenanteil. Das ist hilfreich für hohe Würfe und Hebefiguren. Ich halte es daher für einen guten Ansatz, zu versuchen, auch in Dance Teams bei Sportveranstaltungen, den Männeranteil zu erhöhen.

Fan von DIR: Die Hamburg Towers haben sich danach ganz bewusst hinter ihre Cheerleader gestellt und bei Auswärtsspielen dann gepostet, dass sie ihre Cheerleader vermissen. Uli Hoeneß meinte, sie wollen lieber den Dialog mit den Cheerleadern suchen und diese selbst befragen, wie es ihnen im Verein ergeht. Das wären ja auch Alternativen.

Cindy: Das wäre sicherlich eine gute Alternative, zumal Vorstandsmitglieder, die solche Entscheidungen im Endeffekt treffen, sich meist nicht mit der Sportart auskennen. Durch die Entscheidung von Alba Berlin ist einfach ein ganzes Team aufgelöst wurden. Einige der Sportlerinnen tanzen da schon seit Jahren und müssen sich jetzt was Neues suchen, weil es das Team nur für die Spiele gab. Und für uns sind Auftritte wirklich wichtig. Unser Schwerpunkt liegt ja eigentlich auf Meisterschaften, aber diese Auftritte haben einen wahnsinnigen Mehrwert für uns. Zum einen haben wir die Chance, regelmäßig vor Publikum zu tanzen. Wir nehmen an etwa vier bis fünf Meisterschaften pro Jahr teil, was ziemlich wenig ist. Ohne Auftritte fehlt die Erfahrung, vor Publikum aufzutreten. Und wir tanzen ja auch, weil wir gerne tanzen. Uns zwingt niemand dazu. Das Gute an der aktuellen Diskussion ist allerdings, dass wir jetzt eine gewisse mediale Aufmerksamkeit bekommen. Zum Beispiel war der WDR bei uns. Dadurch können wir unsere Sportart bewerben und mit Vorurteilen aufräumen.

Fan von DIR: Das Klischee ist ja auch, dass vor allem Männer von den Cheerleadern angetan sind. Ihr habt aber in den Medien auch ganz viel Zuspruch von Frauen bekommen, die meinten, sie würden euch vermissen.

Cindy: Ich habe als Kind im Schulbasketball-Team gespielt und damals haben wir uns öfters Spiele von einer Bundesligamannschaft in unserer Region angeschaut. Und ganz ehrlich? Ich fand da auch immer die Cheerleader am Coolsten. Wir tanzen für ein Gesamtpublikum, für Familien und nicht nur für Männer. Wir sind aber noch eine Sportart, die andere Sportarten braucht, um aufzutreten und damit eine Bühne zu bekommen.

Fan von DIR: In den amerikanischen Filmen bedienen Cheerleader ja immer wieder die gleichen Klischees: Sie sind zwar hübsch, aber nicht besonders klug, dafür aber sehr zickig. Prägt das immer noch das Bild vieler?

Cindy: Zum Teil leider schon, aber jede Sportart kämpft mit seinen Klischees. Beim Cheerleading könnte das noch einmal einen Tick extremer sein, weil so wenige Ahnung von diesem Sport haben. Lernt man uns kennen, merkt man schnell, dass dem nicht so ist. Wir sind alles junge, selbstbestimmte Frauen und ich würde sagen, durchaus auch intelligent. Bei den Rheinstars habe ich nie gemerkt, dass sie diese Vorurteile haben könnten. Das Team und die Fans kennen uns mittlerweile ja auch. Bei anderen Auftritten merkt man das schon eher mal, zum Beispiel bei Firmenveranstaltungen mit hohem Männeranteil. Aber solche Auftritte müssen wir auch machen, weil wir so Geld für die Teamkasse verdienen. Theoretisch müssen wir alles selbst bezahlen und umso mehr Geld wir durch Auftritte generieren, umso weniger müssen wir aus eigener Tasche bezahlen. Kostüme müssen gekauft werden, Fahrten bezahlt werden, Startgebühren für offene Meisterschaften müssen bezahlt werden… Da kommt einiges zusammen. Und Sponsoren zu finden, ist wegen der Unbekanntheit des Sports immer noch schwierig.

Fan von DIR: Im Interview wurde schon ziemlich deutlich, dass Cheerleader mehr als ein attraktiver Pausenfüller sind. Auch wenn du bisher relativ wenig Ablehnung für deinen Sport erfahren hast: Was würdest du jemanden antworten, der euch doch nur als Pom-Pom wedelndes Beiwerk sieht?

Cindy: Ganz einfach: Ich würde ihn mal zum Training einladen. Ich habe wirklich schon viele Sportarten in meinem Leben ausprobiert, aber so anstrengend wie beim Cheerleading war sonst noch kein Training. Es braucht so viel Disziplin und man muss so viel investieren an Zeit, Geld und Energie, das ist nicht ohne. Cheerleading ist eine Sportart, da sieht man nur das Endprodukt und wenn man es gut macht, sieht es einfach aus. Aber da steckt dann Stunden an Training dahinter. Wie viele Versuche man zum Beispiel braucht, bis man eine saubere, einfache Drehung schafft. Das sieht man als Zuschauer aber eben nicht. Daher würde ich das dem ein oder anderen Zweifler oder Kritiker gerne mal zeigen.

Fan von DIR: Cindy, wir danken Dir für das Gespräch.

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