Fan von … Franzi

Fan von … Franzi

Vor drei Jahren hat Franziska Liebhardt den größten Triumph ihrer Sportlerkarriere erlebt. In Rio de Janeiro gewann die damals 34-jährige, halbseitig spastisch gelähmte Sportlerin, die Goldmedaille im Kugelstoßen und stellte dabei einen neuen Weltrekord auf. Weil die Athletin ihren Sieg mit einer Spenderlunge und einer Spenderniere erzielt hat, liegt ihr das Thema Organspende besonders am Herzen. Die gelernte Kinderphysiotherapeutin und ehemalige Profisportlerin vom TSV Bayer 04 Leverkusen macht sich deshalb im Vorstand zweier Organisationen für die Organspende stark. Die „Sportler für Organspende“ und die „Kinderhilfe Organtransplantation“ kämpfen dafür, dass sich die Situation der Organspende in Deutschland verbessert. Das wichtigste im Leben sei, sagt die heute 38 jährige, dass man ein Ziel vor Augen hat. Mehr über ihre Krankheit, ihr Da-sein als Sportlerin und das Thema Organspende erzählt sie im Interview mit „Fan von DIR“.

Hallo Franzi. Schön, dass du dir fürs Interview Zeit nimmst. Erzähl den Lesern doch erst einmal etwas über deinen sportlichen Werdegang.

Als Kind und Jugendliche war ich Volleyballerin und dabei auch sehr ambitioniert. Als Jugendliche wollte ich gerne in ein Sportinternat wechseln, um professionell Volleyball spielen zu können, doch meine Eltern waren dagegen. Ich blieb deshalb beim ambitionierten Freizeitsport, schaffte es immerhin bis in die Bayern- bzw. Regionalliga. Mit Anfang 20 wurde eine chronische Erkrankung bei mir diagnostiziert und ich konnte lange gar keinen Sport mehr machen. Nach erfolgreicher Lungentransplantation wollte ich dann wieder sportlich aktiv werden, zunächst nur, um im Alltag wieder klar zukommen, Einkaufstaschen tragen zu können oder die Treppen zu steigen. Ich schloß mich einer Freizeit-Sportgruppe an, stellte aber bald fest, dass seitens sportlicher Belastbarkeit deutlich mehr möglich war, als man mir von ärztlicher Seite prognostiziert hatte. Ein Trainer entdeckte mein Talent für die Leichtathletik und das Training wurde immer mehr ausgedehnt. Ich startete zunächst erfolgreich bei Wettkämpfen von Organ-Transplantierten, die zwar Spaß machten, aber nicht leistungsorientiert sind. Ich wollte aber gerne den Weg zurück in einen leistungsorientierten Sport finden. Irgendwann wurde das zum Selbstläufer und das Training zunehmend professioneller. Als ich erstmals Normen im paralympischen Sport erfüllte und an ersten Lehrgängen des dt. Behindertensportverbandes teilnahm, lernte ich Steffi Nerius kennen. Sie sagte, sie sehe viel ausgeschöpftes Potential bei mir, ich müsse aber mal ordentlich trainieren. Nach einigen Gesprächen konnte ich zum TSV Bayer 04 Leverkusen und Steffi Nerius als Trainerin wechseln. Dort lernte ich zum ersten Mal echtes professionelles Training kennen und meine sportliche Leistung explodierte förmlich. Steffi Nerius war mein Schlüssel zum ganz großen sportlichen Erfolg.

Woher kommt deine Liebe zum Sport?

Ich habe einen sportlichen Vater und in unserer Familie spielte der Sport immer eine große Rolle. Wir waren oft mit der Familie auf Radtouren unterwegs oder schon als Kleinkinder mit meinem Vater bei Punktspielen seines Prellballclubs. Mein Vater war es auch, der mit uns zum „Mutter-Kind-Turnen“ ging, später folgte das obligatorische Kunstturnen. Als sportliche Grundlage war das sicher nicht schlecht, trotzdem verlor ich irgendwann den Spaß daran. In der Bambini-Gruppe der Volleyballer fühlte ich mich deutlich wohler…und so blieb ich dabei.

Was motiviert dich und was gibt dir der Sport?

In erster Linie macht mir Sport vor allem Spaß. Der Sport bedeutet für mich aber auch Ablenkung vom Alltag, sich austoben zu können und dabei den Kopf frei zu kriegen. Sport ist Selbstbestätigung, er bietet einen Anreiz, ständig an sich zu arbeiten. Ich habe durch den Sport aber auch viele Menschen auf der ganzen Welt kennengelernt, mit denen ich sonst vermutlich nie in Kontakt gekommen wäre.

Was war dein größter sportlicher Erfolg?

Ich wurde mit Weltrekord Paralympics-Siegerin von Rio 2016 im Kugelstoßen und war zuvor bereits Europa- und Vizeweltmeisterin.

Was ist das Besondere an deinem Sport?

Kugelstoßen fasziniert mich, da es eine ausgefeilte Technik mit Schnellkraft und mentaler Stärke verbindet. Ich hatte immer viel Spaß daran, mithilfe der Trainerin an meinen Bewegungsabläufen zu feilen, um das maximal mögliche an Leistung herauszukitzeln.

Wo sind die Gemeinsamkeiten / Unterschiede für dich im Sport als Person mit / ohne Handicap?

Im Parasport ist man teilweise auf die Nutzung von Hilfsmitteln wie Orthesen, Wurfstühle etc. angewiesen. Es gibt sonst aber keine wesentlichen Unterschiede. Auch der Parasport ist mittlerweile sehr professionell geworden und die Trainingsumfänge sind identisch, egal ob man olympischer oder paralympischer Sportler ist. Früher war es so, dass es im Parasport mehr um die Schicksale der Sportler und nicht so sehr um die sportliche Leistung ging. Das hat sich seit London 2012 glücklicherweise komplett geändert. Mittlerweile steht auch im Parasport die sportliche Leistung im Vordergrund.

Wie verlief dein Weg zu den Paralympics und wie waren deine Erfahrungen dort?

Als ich in die Trainingsgruppe von Steffi Nerius wechselte, waren die Paralympics Rio das große Ziel. Damals ging es aber noch nicht um eine mögliche Medaille. Mein damaliges Leistungsniveau (etwa drei Jahre vor Rio) war lang noch nicht so hoch, dass ich vorne hätte mithalten können. Es ging damals lediglich darum, die Qualinormen zu schaffen und nominiert zu werden, um einfach nur dabei sein zu können. Das war zu Beginn der Zusammenarbeit mit Steffi unser Ziel.

Meine Leistungen sind unter Steffis professionellem Training und aufgrund der großen Unterstützung im Umfeld beim TSV Bayer 04 Leverkusen aber sehr schnell besser geworden und aufgrund der starken sportlichen Entwicklung wurde im Laufe der Zeit immer klarer, dass ich mit den anderen Medaillenkandidaten durchaus würde mithalten können. Als wir nach Rio geflogen sind, war dann die Medaille schon ein klares Ziel.

Die Paralympics in Rio waren insgesamt eine tolle Erfahrung. Es ist garnicht nur die Zeit direkt vor Ort, wir waren insgesamt ca. drei Wochen da, sondern auch alles drumherum. Die Zeit der Nominierung, die Einkleidung, die Lehrgänge zur Vorbereitung, die Ehrungen und Feiern hinterher. Über allem liegt so ein besonderes Flair, weil allen bewusst ist, dass es ein Privileg ist, sowas mal erleben zu dürfen. Viele Menschen, z.B. der damalige Bundespräsident Joachim Gauck aber auch andere bekannte Politikgrößen und Medienvertreter schütteln einem die Hand, die man sonst nie getroffen hätte.

Es ist aber auch toll, ein olympisches bzw. paralympisches Dorf kennenzulernen, mit vielen Menschen aus allen Ländern der Welt in Kontakt zu kommen, von Fans auf den Straßen in Rio bejubelt zu werden. Besonders auf eine andere Art ist aber auch, großen Druck zu verspüren, von Funktionären der Verbände und der Öffentlichkeit. Wer als Weltranglistenerste und amtierende Weltrekordlerin nach Rio reist, muss auch gewinnen. In Deutschland wird selten wahrgenommen, dass alleine die Teilnahme an den Spielen schon ein riesiger sportlicher Erfolg sind und nur die allerwenigsten dies jemals schaffen. Das hat mich als Sportlerin oft geärgert. Meist zählt nur eine Medaille. Damit umzugehen und den Druck nicht zu nah an sich herankommen zu lassen, war nicht leicht.

Mit welchen Vorurteilen hast du zu kämpfen sowohl aufgrund deiner Behinderung als auch aufgrund deines Geschlechts? Wie reagierst du darauf?

Ich bin Spastikerin und mit diesem Begriff verbinden viele Menschen nicht nur eine körperliche, sondern vorallem auch eine geistige Einschränkung. Manche Journalisten sind erstaunt, dass man normal sprechen und sich gut ausdrücken kann. Manche Menschen sprechen einen auch besonders laut oder besonders langsam an, weil sie denken, dass man sonst nicht in der Lage ist, sie zu verstehen. Das hat mich anfangs gestört, irgendwann aber eher amüsiert.

Viele Menschen, übrigens auch viele behinderte Menschen, denken: Behinderung bedeutet automatisch, dass man keinen Sport machen kann. Viele behinderte Kinder, die in Regelschulen beschult werden, werden aufgrund ihrer Behinderung vom Schulsport befreit. Was für ein Quatsch! Das ärgert mich noch heute eigentlich am meisten. Selbst schwerst mehrfachbehinderte Menschen sind selbstverständlich in der Lage, Sport zu treiben und dabei Freude und Spaß zu empfinden. Es gibt Sportarten im elektrischen Rolli und ich habe schon Spiele z.B. beim E-Hockey gesehen, wo Menschen, die ihren Rolli nur über den Kopf steuern konnten, ein richtig action-reiches Spiel aufs Parkett gebracht haben. Das hat nicht nur den Spielern, sondern auch den Zuschauern viel Spaß gebracht.

Das Vorurteil, dass Frauen und Wurfdisziplinen nicht zusammenpassen, habe ich auch ab und zu gehört. „Mädchen können doch eigentlich nicht werfen“. Ich habe dann immer gerne darauf hingewiesen, dass wir in Deutschland sehr viele gute Werferinnen haben. Traditionell liegt die Stärke der deutschen Leichtathletik in den Wurfdisziplinen – bei Männern und Frauen!

Ein ehemaliger Vereinskollege in Würzburg meinte sogar mal, die Männer in der Trainingsgruppe so motivieren zu müssen, indem er sagte: „Sie ist eine Frau und auch noch behindert. Die werdet ihr wohl schlagen können…“  Er fand sich dabei wahnsinnig witzig…und hat gar nicht gemerkt, wie daneben seine Bemerkung war.

Wie hilft dir der Sport mit deiner Behinderung umzugehen?

Im Sport habe ich Disziplin gelernt, Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz. Man muss jeden Tag körperlich und psychisch hart an sich arbeiten, dabei Schwächephasen überstehen und Rückschläge aushalten lernen, um sportlich erfolgreich zu sein. Wer sich gehen lässt, wird keinen Erfolg haben.

Da sind sich der Kampf um sportlichen Erfolg in der Arena und der Kampf um sein Leben in einer schwierigen gesundheitlichen Situation ganz ähnlich. Dank meiner sportlichen Vorgeschichte und den Fähigkeiten, die ich dabei im Lauf der Jahre erworben hatte, fiel es mir auch leichter, den Kampf um mein Leben auch in schwierigen Situationen niemals aufzugeben.

Inwieweit schreibst du dem Sport eine inklusive Funktion zu?

Der Sport öffnet Türen und Herzen. Menschen, die sonst nie in Kontakt mit behinderten Personen kommen würden, lernen sich über gemeinsame sportliche Aktivitäten kennen. Die Menschen lernen, dass nicht der Körper eines Menschen und dessen einwandfreie Funktionen für das Menschsein entscheidend sind, sondern vielmehr dessen Charakter. Man lernt, wie liebevoll Menschen mit z.B. geistiger Behinderung sind, wie offen und ehrlich sie miteinander umgehen, und dass man daraus für das eigene Leben lernen kann, z.B. was wirklich im Leben wichtig ist.

Menschen, die denken, ein Rollstuhl sei das Schlimmste, was ihnen im Leben passieren könne, lernen, dass man auch mit einem Handicap ein gutes und erfülltes Leben führen kann und dass ein Handicap kein Grund ist, in Traurigkeit zu versinken.

Was würdest du dir für den Parasport in Zukunft wünschen ?

Ich sehe den Parasport auf einem sehr guten Weg. Sicher gibt es immer Luft nach oben, z.B. wenn es um Förderung geht. Man muss aber auch ehrlich anerkennen, dass die Leistungsdichte im Parasport noch eine andere ist als im olympischen und dass es den olympischen Sport einfach schon wesentlich länger gibt als den paralympischen. Auch im olympischen Sport war früher nicht alles optimal, als Olympiasieger früher hat man z.B. Gutscheine für Schnitzel bekommen, da gab es auch noch keine Prämien wie heute.

Ich halte es aber natürlich für richtig und gut, dass beispielsweise Prämienzahlungen für olympische und paralympische Medaillen mittlerweile auf gleichem Niveau sind, denn auch der Parasport ist mittlerweile sehr professionell und es macht beim Trainingsaufwand keinen Unterschied, ob man olympischer oder paralympischer Sportler ist.

Das Medieninteresse am paralympischen Sport ist deutlich gestiegen, Paralympics werden mittlerweile mit vielen Stunden live übertragen, es gibt regelmäßige Meldungen in der Tagesschau und in den Printmedien. Auch das Medieninteresse zwischen den Spielen steigt. Wie vorhin schonmal erwähnt, interessieren sich die Medien mittlerweile vorallem für die sportlichen Leistungen der Athleten, nicht mehr nur für deren Schicksal. Das ist m.E. die wichtigste Entwicklung. Denn die Parasportler möchten kein Mitleid, sie brauchen keinen Anstandsapplaus, sie möchten zeigen, zu welchen Leistungen sie trotz Handicap im Stande sind.

Wenn ich z.B. den Sportstudenten in Köln erzähle, dass ich als Spastikerin 14 m weit stoßen kann, kippen die fast aus den Latschen. Die meisten schaffen kaum die geforderten 6,75 m bzw. 7,60 m im Eignungstest für die Zulassung zum Studium – ohne körperliches Handicap. Die Studenten merken: Hey, Parasport ist echter Leistungssport! Das ist aus der Ecke des Rehasports lange raus. Solche Begegnungen machen mir besonders viel Spaß, weil sich in den Köpfen der Menschen etwas bewegt.

Du machst dich für Organspende stark, warum?

Das hat viele Gründe. Deutschland steht im internationalen Vergleich bei der Organspende ganz unten auf der Liste der europäischen Länder. Ich habe im Laufe der letzten 10 Jahre entsprechend viele Menschen kennengelernt, die während der Wartezeit auf ein Organ verstorben sind. Das zu erleben, ist jedesmal unheimlich bitter, denn diesen Menschen könnte eigentlich geholfen werden. Ich hatte das Glück, zweimal (2009 Lunge, 2012 Niere) rechtzeitig ein Spenderorgan zu erhalten und habe für mich das Gefühl, dass ich dadurch auch eine Verantwortung habe. Einerseits, gut auf die erhaltenen Geschenke der Spender aufzupassen und andererseits dafür zu sorgen, dass auch andere auf den Wartelisten diese Chance auf ein neues Leben bekommen.

Als mir nach dem Paralympics-Sieg die Medaille um den Hals gehängt wurde, hatte ich das Gefühl, es stehen welche neben mir auf dem Treppchen, denen ich diese Medaille entscheidend verdanke: meine Organspender. In Situationen, in denen es mir gut geht oder ich glücklich bin, denke ich an Menschen, die ich garnicht kenne und doch immer in meinem Herzen bei mir trage. Organspender und deren Familien sind für mich Helden. Wenn jemand in einen See springt, um einen Ertrinkenden zu retten, bekommt er dafür eine Medaille vom Minister und geht durch alle Medien. Organspender und deren Familien, die in Stunden allergrößter eigener Trauer und Verzweiflung die Entscheidung treffen, bis zu fünf anderen Menschen das Leben zu retten, bekommen garnichts. Das finde ich falsch. Ich versuche die Öffentlichkeit zu nutzen, um auf das Thema Organspende aufmerksam zu machen und meinen sportlichen Erfolg so auch für ein wichtiges gesellschaftliches Thema zu nutzen.

Was würdest du Menschen mitgeben, die sich beim Thema Organspende unsicher sind?

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die mit dem erhobenen Zeigefinger durch die Welt laufen und von jedem verlangen, Organspender zu werden. Es ist eine sehr persönliche Entscheidung und es kann immer auch nachvollziehbare Gründe geben, wenn man nicht spenden möchte. Ich halte es aber schon für wichtig und auch zumutbar, dass jeder mündige Bürger ab 16 Jahren dazu eine Entscheidung trifft und diese auch dokumentiert. Wir sind eine Solidargemeinschaft. Jeder sollte sich fragen, ob er für sich oder nahe Angehörige im Fall der Fälle ein Organ annehmen würde. Wer diese Frage mit Ja beantwortet, der sollte auch bereit sein, im Zweifel eines zu geben.

Vielen Dank für das Interview!

Viele weitere Informationen zum Thema Organspende und die Möglichkeit einen direkt online zu beantragen, findet ihr unter:
https://www.organspende-info.de/organspendeausweis-download-und-bestellen.html

https://fanvondir.de/

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen